Titelbild: The Spitfires 1965

Gerd Reckel, Harri Krämer, Erwin Schmidt, Wolfgang Papendick, Alfred Neumann 

Der Autor 1965
Der Autor 1965

Wie der Beat nach Offenbach kam

 

 

 

Vorwort

 

Dies ist die Kurzfassung des wichtigsten Teils meines Lebens.

Ich habe sie aus dem Gedächtnis, das leider im Alter nicht mehr so funktioniert wie es sollte, erzählt. 

 

Der spannende Roman Musik ohne Handkäs, eine selbstironisch- humorvolle autobiographischen Erzählung ist in allen Buchhandlungen, Onlinehändlern erhältlich, oder bei mainbook unter    https://www.mainbook.de/bestellung-taschenb%C3%BCcher/

 

Sie ist eine nicht immer bierernste Dokumentation meiner musikalischen Erlebnisse von den 60er Jahren bis zum Ende des vorigen Jahrtausends.

Ich hoffe, damit Musiker und Musikinteressierte zu erreichen, die mehr über die Geschichte und Entwicklung der Rockmusik im Rhein-Main Gebiet erfahren möchten.

 

Die Erlebnisse und Anekdoten sind alle wahr, nur der Autor und einige Protagonisten wurden im Roman aus dramaturgischen Gründen verfremdet. Ich bitte alle Leser die zu den Geschichten und Personen irgendeine Beziehung hatten oder sich an weitere Details erinnern, mir Korrekturen oder Ergänzungen zu mailen.

Diese Seiten aktualisieren sich somit je nach Input ständig.

Ich bin für jeden Hinweis dankbar!

 

Ergänzung:

Keines der eingestellten Tondokumente entspricht dem heutigen Stand der Technik, da einige Aufnahmen immerhin über 50 Jahre alt sind.

Vom Grundig TK 47 Mono Tonbandgerät über einfache Cassettenrekorder, 2 Spur, 4 Spur, 8 Spur, 16 Spur und 24 Spur Tonbandmaschinen sind alle Aufnahmetechnologien vertreten. Nur digitale Aufzeichnungen gab es zu dieser Zeit noch nicht.

Man kann die Beispiele daher allein unter dem dem Aspekt ihres historischen Werts beurteilen. 


Alfred Neumann

 

 

Back Home


Geboren wurde ich nicht in meiner Heimatstadt Frankfurt, sondern in Offenbach. 

Es war im Sommer 1946. Also kurz nachdem keine Bomben, Querschläger und anderes unangenehmes Zeug mehr um mein Fechenheimer Elternhaus flogen. 

In Offenbach verbrachte ich nur wenige Tage nach meiner Geburt in der nicht mehr existierenden Klinik in der Kaiserstraße.

Danach brachte man mich über die Mainfähre in den Frankfurter Stadtteil Fechenheim, wo ich meine Jugend verbrachte.  

 


School Days

 

Die Schulzeit in Offenbach gestaltete sich mal mehr, mal weniger lustig, aber das mich am meisten prägende Erlebnis war der Kontakt zu Mitschülern, die in einem Schuppen musikähnliche Geräusche produzierten. Sie nannten sich sinnvollerweise, jedoch von fundierten Englischkenntnissen unberührt

The crack makers. Das war's. Mein so genanntes Schlüsselerlebnis. Später bekam ich von einem Klassenkameraden, angeregt durch die erste deutsche Ausgabe des MAD Magazins den Spitznamen "E" verpasst.

 


You Never Can Tell


Rückblick: Einige Jahre zuvor hatte ich von einem verstorbenen Onkel ein Klavier! ein Klavier! geerbt, dem ich zum Grauen unserer Mitmieter versuchte, einigermaßen erkennbare Tonfolgen zu entlocken.

Das klappte erstaunlicherweise immer besser. Etwas Musiktheorie und das Abhören zeitgenössischer Musik - damals noch von Vinyl- Platten übers Radio, halfen immens. Die Parallelen zu den alten Blues- und Boogiepianisten wie Jelly Roll Morton oder Meade Lux Lewis aus den amerikanischen Südstaaten waren schwach zu erkennen.

Obwohl meine Hautfarbe etwas blasser ausgefallen ist, schaffte ich es dennoch mir die leichteren Stücke wie zum Beispiel "The Entertainer" von Scott Joplin, einigermaßen anzueignen.


Eine kurze Liaison mit einer Trompete wurde leider nicht von Erfolg  gekrönt. Es war ein durchaus vielversprechendes Angebot des verzweifelt um Nachwuchs kämpfenden örtlichen Posaunenchors: Kostenlose Trompete und kostenloser Unterricht. 

Der Lehrer war leider eine absolute Fehlbesetzung. Cholerisch und didaktisch eine Null. Nach   einem einem missglückten Weihnachtsauftritt mit einem Klassenkameraden und einigen unerfreulichen Stunden bestätigte er mir auf meine bohrende Nachfrage hin widerwillig, dass die Lehrmethode der Kirchenmusik wenig geeignet für eine Karriere als Jazztrompeter sei. Damit war der Käse für mich gegessen und ich legte ihm die Hupe kommentarlos zu Füßen.  

 

 

Sweet Little Rock´n´Roller 

 

1963 gab es kein Halten mehr. Ich mußte endlich Musik machen. Mein Schulkollege Wolfgang Faber spielte außer dem für Beatmusik - so hieß sie damals - ungeeigneten Akkordeon auch noch ganz brauchbar Schlagzeug und konnte auch noch richtig gut singen. 

Mit schnell gefundenen weiteren Mitstreitern, den Gitarristen Gottfried genannt "Ogott" aus Frankfurt und Ringo aus Bad Vilbel wurde die erste Band gegründet.

Weiß der Geier, wie wir auf der Namen The Starfighters kamen,  war aber sowas damals in Mode.

Im Fechenheimer Rathaus befand sich auch ein so genannte Jugendheim, das uns als Übungsstätte diente.                                                              
Wir übten die zeitgenössische angloamerikanische Musikliteratur von Chuck Berry bis zu Buddy Holly rauf und runter bis zum Erbrechen. Und da die damalige Bandszene noch ausgesprochen dünn besiedelt war, regelte das uralte Gesetz von Angebot und Nachfrage unser Schicksal und wir hatten wir schnell etliche Auftritte in Jugendtreffs und Bürgerhäusern. 

 

Bei einem Auftritt im Jugendhaus Bornheim zusammen mit der Band The Fränky Boys fanden uns die meisten Zuhörer dennoch besser. Das stärkte unser Selbstbewusstsein ungemein. 

Da der Zustand ohne Bassist mittelfristig unhaltbar war, fanden wir 1964 mit Jochen B. einen Ebensolchen.
Er brachte eine "Echo-Hall Gesangsanlage" mit in die Ehe und auch einen neuen Bandnamen, The Globetrotters

Jochen spielte vorher angeblich Bass und Akkordeon als Berufsmusiker in verschiedenen dubiosen Bars und brachte uns dazu, absolut schreckliche Schmalzkamellen aus seiner Vergangenheit darzubieten. 

Die Rock´n´Roll- Idee begann sich langsam in Luft aufzulösen.

 

Unbegreiflicherweise spielten wir hauptsächlich in ländlichen Gemeinden im Vorder- und Hintertaunus immer vor vollen Häusern. 

Kurzzeitig kam noch der Saxofonist Reinhold "Roger" Lotz aus Lämmerspiel dazu, mit dem wir halbwegs stilecht Fats Domino Nummern spielen konnten. Die kamen beim Publikum besonders gut an, da auf den damals extensiv veranstalteten Partys diese Titel besonders angesagt waren. 

Kurz nachdem Jochen ausgestiegen wurde, löste sich die Band auf.

 

                                                                      

Too Much Monkey Business


1964 nannte sich die Restbesetzung The German Beats. Ein dritter Gitarrist, dessen Name nicht mehr zu ermitteln ist, kam hinzu. Er konnte wie Andy Tielman selig hinter dem Kopf Solo spielen, was von den Nachwuchsklampfern im Publikum gebührend bestaunt wurde. 

Zum Ausgleich fehlte wieder einmal ein Bassist. Drei Gitarren, ein Schlagzeug und kein Bass!

G r a u e n h a f t ! Es war kaum auszuhalten.

 

Mit einem neuen Sänger namens Chuck, er hatte eine Reibeisenstimme wie Joe Cocker, nannten wir uns The Philharmonics. Auf diesem Namen hatte er bestanden und ihn zur Bedingung für seine Mitwirkung gemacht.                                    
Dann kam ein Manager eines Tages wie aus dem Nichts unaufgefordert daher. Im wirklichen Leben und im Hauptberuf war er selbständiger Fliesenleger. 

Sein einziges Benefit war für uns: Er hatte reichlich Kohle, was sein mangelndes bis nicht vorhandenes Managertalent etwas kompensierte.                               
Das Problem war nur, dass in den wenigsten Auftrittsstätten ein Klavier zur Verfügung stand. Nach einiger Zeit, die ich aus diesem Grund immer öfter als Roadie verbrachte - der Begriff war seinerzeit noch völlig unbekannt - hatte ich die Faxen dicke.

Die Auflösung der Philharmonics war nur noch eine Frage der Zeit und erfolgte auch kurz danach.

 

 

No Money Down


Über die Offenbach - Connection meiner Schule kam ich Anfang 1965 mit einer Band in Kontakt, die sich The Spitfires nannte.

Die Band bestand zu der Zeit nur noch aus zwei Personen: dem später als "Big Papa" in der Offenbacher Oldie Szene legendär gewordenen Bassisten Wolfgang Papendick (2009) sowie dem Schlagzeuger Erwin Schmidt. Als Gastgeschenk brachte ich Ogott mit ein.

 

Nach nur wenigen Auftritten in der schon erwähnten Topsy Bar in Eppertshausen holte mich wieder mein altes Problem ein - kein Klavier. Also mußte eine Orgel her, ein damals in der Beatmusik angesagtes, aber in unserem Umfeld äußerst seltenes Instrument. 

Durch Vermittlung unseres Paten Wolfgang bestellte ich im Offenbacher Musikhaus Schmitt eine italienische Farfisa Starvox Compact, heute unter dem Begriff "Schweineorgel" bekannt.

Jetzt spielten wir die Hits der Animals wie "House Of The Rising Sun" oder "Don´t Let Me Be Misunderstood".

 

                                                

Brown Eyed Handsome Man


Dann kam noch der Sänger Chris Eggert () hinzu. Er hieß eigentlich Christian und hatte vorher bei den Jet Blacks gesungen; ein Überzweimetermann mit gewaltigem Opernbariton. Wir nannten uns entsprechend Chris And The Spitfires.

 

 

Oh What A Thrill


Im Herbst 1965 veranstaltete der Hessische Rundfunk im Offenbacher Goethe Theater einen Beat Wettbewerb. Durch die Veranstaltung führte der bekannte HR3 Moderator Hans- Karl Schmitt genannt Atze.

Neben uns und der Band The Red Rocks, die vorwiegend britisch beeinflussten Beat mit mehrstimmigem Gesang, nahmen noch The Cheats, mit ihem Leadsänger Volker Rebell, The Crescents, The Kreyves und The Red Roosters teil.                                                                                                   
Mit dem etwas dümmlichen Bubble Gum Titel "Wooly Bully" der Texmex Band Sam The Sham and The Pharaohs gewannen wir schließlich den Wettbewerb. Den Quäkgesang von Sam Samudio bekam Chris allerdings nicht annähernd hin. Die Aufnahmen im Frankfurter Tonstudio Ravenstein, das mit vorsintflutlicher Technik ausgestattet war, wurden aus Wolfgangs stets gut gefülltem Geldbeutel selbst bezahlt. Unser Wettbewerbspreis bleibt weiterhin im Dunkel.               

  

https://soundcloud.com/alfred-e-neumann01/chris-and-the-spitfires-sweet-little-sixteen

 

https://soundcloud.com/alfred-e-neumann01/the-spitfires-long-time-coming

                     

Die aufgenommenen Titel waren die für damalige Verhältnisse erstaunlicherweise durchaus hörbar, aber die wenigen davon gepressten Schellackplatten sind im Laufe der Zeit leider auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet.
Doch manchmal erlebt man einen der seltenen Glücksfälle im Leben. Nach vielen Jahrzehnten stellte sich heraus, dass Harri noch Kopien der verloren geglaubten Aufnahmen besaß. Ich war glücklich.

Das Gastspiel von Chris war kurz und nach dem Wettbewerb aus persönlichen Gründen zu Ende. Als Ersatz kam Gerd Reckel dazu. Er übernahm von Wolfgang die Funktion des Bassisten. Dazu kam noch seine Begabung als Sänger. Bisher hatte diesen Part Wolfgang inne. Der griff nun wieder zur Rhythmusgitarre, was nicht auf allgemeinen Beifall stieß. 

Dazu eine alte Tonbandaufnahme aus dem Proberaum:

 

                             
                                   

Little Queeny


Nach dem zwangsweisen Heimgang von Chris Anfang 1966 nannten wir uns wieder The Spitfires. Es kam die Sängerin Tamara "Tammy" Holik hinzu, eine kleine, zierliche Person mit bemerkenswerter Stimme.

 

                               
Hold On, I'm Comin'


Ende 1966 verließen Harry und ich die Spitfires und gründeten zusammen mit dem sehr guten Schlagzeuger Rudolf "Rudi" Längert, einem wieder einmal mäßigen Bassisten und dem endlich guten Sänger Scott Murray die Band United Sounds Ltd.

 

Er hatte vorher angeblich in der Gruppe von Casey Jones And The Governors den Bass gezupft und war, aus welchen Gründen auch immer, nach einem Auftritt im Frankfurter Club K52 hier hängengeblieben.

Nach langem Recherchieren bin ich zu dem Schluß gelangt, dass Scott die Geschichte mit Casey Jones vermutlich erfunden hatte. Er taucht im Web als Bassist dieser Band nirgendwo auf und wollte sich  bei uns wohl etwas prominenter machen als er tatsächlich war.

Seinen Qualitäten als Musiker bleiben jedoch unbestritten.  

Dies bemerkte auch ein Manager eines Officer´s Clubs, in dem sich überwiegend die dunkleren GIs aufhielten und hatten danach regelmäßige, gut bezahlte Auftritte.

Unseren Bassisten Niko fanden wir über eine Anzeige.

Er antwortete auf die Frage, welche Musikrichtung er sich so vorstelle, "Rhythm & Blues, was denn sonst". Seine Kenntnisse diesbezüglich beschränkten sich leider nur auf den Begriff. 

Eines Tages nahm Scott ihm aus Spaß das Instrument aus der Hand und spielte ein paar Läufe, dass es nur so groovte. Das war dann nicht nur des Bassisten, sondern auch das Ende von United Sounds Ltd.                       

Hätte nur unser Sänger Scott Bass gespielt, vielleicht wäre die Band zusammen geblieben.

Es war Anfang 1967 und der ganze Zauber überdauerte nicht mal ein halbes Jahr. 

 

 

Titelinfo:

Wie der geneigte Leser bestimmt bemerkt hat, sind die Subtitel alles Stücke von Chuck Berry. Er war damals das Idol aller Nachwuchs Beat- und Rock´n´Roll Bands. Auch die Beatles und Rolling Stones  bezeichneten ihn als ihren größten Inspirator. Er wurde übrigens in diesem Jahr 87. And he still keeps on rockin´.

Der letzte Subtitel "Hold On I'm Comin'" ist eine Nummer des legendären Soul Duos Sam And Dave von 1966.  

 

 

Anmerkung:

Wer an weiteren Informationen über die Musikszene im Offenbacher Raum interessiert ist,

dem empfehle ich die sehr gut gemachten Webseiten von Peter Maith:

  

http://www.offenbachrockt.de